Dienstag, 16. Dezember 2008

Tirade 134 – Fortschreiten

Und immer voran
gehen in großen Zellen
spurlos im Beton.

Auch die Zeiger der Uhren
zerpflügen nicht ihren Weg

Das Bild im Spiegel

Menschen sind sehr unterschiedlich, aber wenn wir uns in ihnen spiegeln, kommen sie uns vertraut vor.

Hinfallen

Wer hinfällt, ist nicht immer nur ungeschickt, sondern oft unbewußt beseelt von dem Wunsch, jemand möge ihm aufhelfen.

Bankraub

Angesichts der staatlichen Unterstützungen des Bankensektors ist zu überlegen, ob der Begriff "Bankraub" neu definiert werden muß.

Montag, 15. Dezember 2008

Tirade 133 – Seelenmimese

Schwarze Gespenster
bunt im Tagesgefieder
Farben der Sonne

Die Nächte lichten das Licht
Nachts sind Seelenflügel grau

Ironische Selbstbeobachtung

Wenn die Konditionalsätze über andere in Form indikativischer Realgefüge sich häufen, dann wird es Zeit, wieder Gedichte zu schreiben, bevor der Realis der anderen in den eigenen conjunctivus irrealis abgleitet.

Ehrabschneidung

Wenn einer anfängt von seiner Ehre zu reden und deren Verletzungen, dann weiß ich: Das nimmt kein gutes Ende. Erst mal aber blamiert sich der Ehrleidende selbst durch sein Gerede viel mehr, als es ihm irgendeiner mit ehrabschmirgelndem Zeitungspapier antun könnte.

Mit ein wenig Souveränität kann man Ehrverletzungen positiv umdeuten. Wer jemand was von der Ehre abschneidet, hilft ihm, Gravitätsballast abzuwerfen. Solche Verschlankung ist in jedem Falle der Persönlichkeitsentwicklung zuträglich und erleichtert das Auftreten.

Maskulistische Linguistik

Vertreterinnen einer feministischen Linguistik beklagen sehr gerne, wie ungerecht es bisweilen in der Sprache zugeht, als könne und solle die Sprache so etwas wie ein Gerichtshof für Gleichberechtigung sein. Häufig seien weibliche Formen unterrepräsentiert und fristeten ein armseliges Leben im Schatten männlicher Dominanz. Daß es auch anders geht, sieht man zum Beispiel in der Technik. So wird nicht etwa der Vater in die Mutter geschraubt beziehungsweise die Mutter auf den Vater – oder die Vaterschraube oder der Schraubenvater in die Schraubenmutter oder Mutterschraube –, sondern ganz pragmatisch eingeschlechtlich nur die Schraube in die Mutter, die Mutter auf die Schraube (oder die Mutterschraube). Technik als weibliche Domäne. Schon in Pierers Universallexikon von 1862 findet man neben der Schraube die "Schraubenmutter" und die "Mutterschraube". Den Schraubenvater oder die Vaterschraube sucht man unter dem Stichwort Schraube bei Pierer und in späteren Lexika vergebens.

Wir sagen zwar Schraubenmutter, aber nicht Schraubenvater. Tatsächlich findet sich der Begriff Vaterschraube in Krünitz' Enzyklopädie ein Jahrhundert vor Pierer. Die Feminisierung des technischen Befestigungs- und Verbindungselementes Schraube liegt also zwischen der Mitte des achtzehnten und der des neunzehnten Jahrhunderts.

Den Männern bleibt angesichts dieser offensichtlichen Benachteiligung, die völlig unverständlich ist, wenn man bedenkt, wie der Begriff analogisch entstanden ist, nichts als eine Art technischer Penisneid und betroffenes Staunen über die kuriose Realitätsfremdheit mancher sprachlichen Formen.

Vielleicht erklärt sich aus dem männlichen Neidgefühl die Erfindung des Kompositums Schreckschraube. Auch das eindeutig ein dominium femininum.
Wir sagen zwar Schraubenmutter, aber nicht Schraubenvater. Tatsächlich findet sich der Begriff Vaterschraube in Krünitz' Enzyklopädie ein Jahrhundert vor Pierer. Die Feminisierung des technischen Befestigungs- und Verbindungselementes Schraube liegt also zwischen der Mitte des achtzehnten und der des neunzehnten Jahrhunderts.

Den Männern bleibt angesichts dieser offensichtlichen Benachteiligung, die völlig unverständlich ist, wenn man bedenkt, wie der Begriff analogisch entstanden ist, nichts als eine Art technischer Penisneid und betroffenes Staunen über die kuriose Realitätsfremdheit mancher sprachlichen Formen.

Vielleicht erklärt sich aus dem männlichen Neidgefühl die Erfindung des Kompositums Schreckschraube. Auch das eindeutig ein dominium femininum.

Höflichkeit

Übertriebene Höflichkeit ist die sublimierte Aggression eines Menschen, der Angst davor hat, als Heuchler entlarvt zu werden.

Dem Wort "Höflichkeit" haftet auch heute noch seine Herkunft aus dem intriganten höfischen Getue an, das durch Schleimerei und Schmeichelorgien geprägt war. Daß das alles keine Erfindung des frühneuzeitlichen höfischen Lebens ist, sondern in milderer Form bereits in der Antike zu finden, erkennt man, wenn man etwa den Blick auf römische Patronatsbeziehungen richtet.

Kinderpornographie

Wie bigott die Mediengesellschaft ist, kann man jetzt wieder an den Diskussionen um ein Plattencover von den Scorpions aus den siebziger Jahren erahnen, auf dem ein nacktes minderjähriges Mädchen hinter einer gesprungenen Glasscheibe zu sehen ist. Nicht besonders gelungen, das Cover, sicher, und bestimmt fragwürdig.

Nun, nach über 30 Jahren, haben eifrige Wächter es entdeckt und versuchen, daraus einen "Pornographieskandal" zu machen, wie es allenthalben nachgeplappert wird. Das ist nicht nur absurd, sondern führt in der Konsequenz dazu, daß einerseits demnächst Verrückte mit Leinentüchern in die Museen laufen, um alles abzudecken, was sie für pornographische Darstellungen halten, während andererseits die Verfolgung tatsächlicher Straftäter erschwert wird, weil mancher geneigt ist, die Problematik als hochgebauscht zu betrachten. Ist es nicht so, daß die Feuerwehr nicht mehr so gern kommt und länger nachfragt, wenn sie allzu oft zum Einsatz gerufen wurde, nur weil jemand an einer Straßenecke ein Blatt Papier angezündet hat?

Wer alles, was er in die Finger bekommen kann, in einen Begriff hineinstopft (in diesem Fall Pornographie), nimmt ihm seine Schärfe und relativiert ihn damit. Das ist das eigentlich Problematische an diesem Vorgang, denn nichts lenkt so sicher von tatsächlichen Pornographieskandalen ab wie künstlich generierte Scheinskandale.

Daß inzwischen so ziemlich jeder, der die Scorpions-Platte bisher ebensowenig kannte wie das Cover, die Abbildung gesehen hat, ist ein weiterer merk- und denkwürdiger Nebeneffekt: Etwas soll möglicherweise indiziert werden, aber vorher wird es allen breit unter die Nase gerieben.

Ich muß doch mal schauen, ob ich noch ein Strandfoto von mir aus Kinderzeiten finde – als Umschlagabbildung oder Frontispiz für meinen nächsten Gedichtband.

Welt online

Maulproleten und Zerebralprominenz

Eine auffällige Kulturverflachung unserer Zeit ist die Verschmelzung bisher von vielen als disparat betrachteter Bereiche: Während Maulproleten wie Bohlen auf der Buchmesse Pressekonferenzen abhalten, sorgen Vertreter der Zerebralprominenz wie Sloterdijk durch ihre Äußerungen in Interviews dafür, daß sich die Grenzen zwischen der sprachlichen Darstellung von Gedanken und belanglosem Großsprechgelaber immer mehr verwischen. Das Maulproletentum wird auf diese Weise zerebral geweihwässert.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Zirkus Zwanzigari

Wenn ein Fußballhansel sich so wichtig nimmt, daß er glaubt, er besitze die Konnotationshoheit im Sprachstrafraum, nur weil er mal Richter war, und könne den anderen seine persönlichen Assoziationen als semantische Weisheit unterjubeln, dann macht er sich zum Clown in der Wortmanege. Es darf gelacht werden über das Demagögchen. Demagogen sind aus anderm Holz geschnitzt.

Geschlossene Gesellschaft

Wenn wir uns allzusehr mit unseren Meinungen identifizieren, laufen wir Gefahr, sie für Wissen zu halten. Dieses Scheinwissen lähmt uns und nimmt dem Prozeß der Meinungsbildung alle Dynamik. Wir prüfen nur noch, ob unsere Erlebnisse und Wahrnehmungen unser Wissen bestätigen, und nicht mehr, ob unser Wissen mit den neuen Erfahrungen übereinstimmt. Im ungünstigsten Fall wissen wir über das Bescheid, was geschieht, ohne unsere äußere Wahrnehmung ins Bewußtsein zu heben, ja wir können es nicht, weil uns unser Bewußtsein signalisiert, Neuaufnahmen seien nicht nötig, da alles, was an die Tür klopft, bereits bekannt und bewertet sei. Keineswegs wegen Überfüllung geschlossen, sondern geschlossene Gesellschaft.

Schein und Sein

Die einen scheinen mehr zu scheinen, als zu sein, die andern mehr zu sein, als zu scheinen. So scheint das Sein wie das Scheinen im Schein. Alles Sein, alles Schein.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Tirade 132 – Alter ego

Das lyrische Ich
wie verwurzelte Träume
im Herzen der Stich

wie das Summen der Bäume
im blinden Spiegel der Strich

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Täuschungsmanöver

Menschen neigen dazu, die Ungenauigkeiten der andern als Fehler und die eigenen Fehler als Ungenauigkeiten zu bezeichnen. So hyperbeln sich die meisten euphemistisch durchs Leben. Und wenn ihnen ihre Bäume dabei zu Büschen werden, beschwören sie den hohen Wert ihrer Erdverbundenheit.

Montag, 1. Dezember 2008

Narrative Gedichtinterpretation

Narrative Interpretationsstrategien wie die meine, angewendet auf Alfred Wolfensteins Gedicht "Städter" aus dem Jahr 1914, sind zwangsläufig hochspekulativ und literaturwissenschaftlich in beträchtlichem Maße fragwürdig. Und dennoch sind sie vielleicht näher am Text und wahrhaftiger als so manche akademische Trottelei, die sich in Silbenzählerei und metrischer Scheinanalyse ergeht, vollgestopft mit tropischen Reziprokprojektionen, die nichts sichtbar machen als die scheinbare Gelehrsamkeit des Interpreten und dessen Verinnerlichung der gültigen literarhistorischen Epochenschablonen.

Tirade 131 – Skulpturen

Steine erlauschen
den Atem der Gezeiten
lautloses Klingen

die schwingende Semantik
der gefrorenen Schreie

Donnerstag, 27. November 2008

Mutmaßungen über Alfred und ein Gedicht

Vom Belle-Alliance-Platz fuhr Alfred mit der Groschenbahn, vorbei an der Kürassierkaserne, an der verwaisten Markthalle, wo Arbeiter den letzten Schmutz des Tages zusammenkehrten. Auf der anderen Seite thronte gravitätisch das Kammergericht, und er dachte kurz an sein staubtrockenes Jus-Studium. Dann aber durchfuhr ihn wieder der bohrende Liebesschmerz. Diesmal hatte ihn Konrad brüsk zurückgewiesen, so als wäre Alfreds zaghaft tastende Hand eine lepröse Klaue. Und dann hatte Konrad ihm einen Vortrag gehalten über wahre Freundschaft, die nur mit wahren Freunden gelebt werden könne und nicht mit Fehlgeleiteten wie Alfred, und Alfred war geflüchtet, als wären tausend Teufel hinter ihm her. Ja, weggelaufen war er, geflohen vor ... Ja, vor was? Sich der Einsicht zu verschließen, daß Männer seine Sinne mehr affizierten als alle noch so attraktive Weiblichkeit, ja ihn erotisch echauffierten, hatte er längst aufgegeben, und Konrad, das hatte Alfred gespürt, es gesehen, gerochen, mit allen Sinnen aufgesaugt, Konrad ging es ebenso wie ihm selbst. Aber Konrad hatte gelacht und gewütet, getobt und hämisch gegrinst und ... Konrad war noch nicht so weit, er wollte sich noch ein Weilchen selbst betrügen. Wie so viele.

Alfred sackte in sich zusammen und blickte auf die endlosen Fensterreihen, die an ihm vorbeizogen, dieses graue Gewürge, dieses blutleere Steinfeuerwerk, das alles Leben garottengleich langsam, ganz langsam strangulierte, erstickte und schlußendlich fossilierte. Nichts würde bleiben als Sedimente vergeblicher Träume.

Die Tram hielt und spuckte alle aus. Nur Alfred blieb sitzen, leidend und voller Zorn und und innerlich geschüttelt von einem gnomigen Mischwesen aus Selbsthaß und Larmoyanz. Im letzten Moment, die Straßenbahn hatte bereits angeruckt, kamen sie hereingeflogen und schwebten wie schwarze Engel auf die Sitze, die beiden, deren Blicke sich ineinanderbohrten wie Schrauben in Holzbretter. Sie verzehrten einander mit einer Glut, die Alfred frösteln machte. Der junge Mann, die junge Frau, sie sprachen nicht, sie nahmen nichts um sich herum wahr, sie kopulierten geradezu mit orgiastisch geröteten Augen. Und Alfred wurde klein und alt und grau wie das Straßenpflaster. Und alles war so dicht, so dicht an seiner Kehle und er so fern, so fern von allem, was lebte und glühte.

Als er nach Jahren, wie ihm schien, endlich sein Zimmer betrat, brach Übelkeit sich Bahn, und er erleichterte sich in den Nachttopf. Er weinte, schluchzte, sprach stakkatoartig mit sich selbst und erlebte das Echo seiner Verzweiflung wie den Widerhall von Rufen in einer Tropfsteinhöhle. Erst nach langen Kämpfen mit Decken und Laken schlief er erschöpft ein.

In der Nacht weckten ihn Geräusche. Ein Kind schrie, er hörte flüsternde Stimmen, die sich zu polterndem Geschrei aufbliesen und dann wieder beruhigten, bevor sie ebenso schnell verstummten wie zuvor das Kind. Alfred machte Licht, setzte sich an den Tisch und schrieb:

Städter

Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte sehn.

Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
Ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken .. wird Gegröhle ..

– Und wie still in dick verschloßner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

Montag, 24. November 2008

Der gelehrte Lapsus

So wie Ironie nicht selten nur Ausdruck mangelnden Mutes ist, zu sagen, was man denkt, so ist manches kunstvolle Oxymoron oft nichts weiter als stilistische Veredelung krauser Gedanken: ein kognitiver Lapsus im prächtigen literarischen Gewand. Hölzernes Eisen wird häufig von Holzköpfen produziert.