Montag, 18. Juli 2011

Zur Geologie der Gefühle

Das Glück und der Schmerz
sprudeln aus Zwillingsquellen
im inneren Berg.

Wenn du die eine verschließt
versandet auch die andre.

Paradoxie 000

Das Leben wird häufig besonders dadurch schwer, daß wir es zu leicht nehmen.

Zeitrose

Wenn die Zeitrose ihre Stiefel auszieht, verdorren ihre Dornen.

Tag M

Es gibt die Tage
da die Welt sich häutet
das Herz erschauert
Blut springt, wildes Kreisen
und Narben platzen
still wie bunte Blasen.

Verharschte Dämme
brechen unter schweren
Blicken, grauen Worten.
Die schorfen Tränen blühen
blau wie Winterkälte.
Und alles stolpert
gegen wunde Rippen.

Wie Flammenwände
rasen die Gedanken.
Die Zeit erlischt.
Zu allem Unglück
sterben Schmetterlinge
in den fernen Bergen.

Keine Sicht

Blick in die Weite
klarer Himmel und kein Stern
Gefilterte Nacht

hinter den Augenlidern
graue Ohnmachtsbewölkung

Abseits

Die Sterne
reden wieder
flüstern leise.
Und manchmal zittern
sie im Wind.
Sie murmeln was daher
von großer Reise
und schauen zu
wie uns die
Zeit verrinnt.

Wie gesagt

In den Urnen
wirft die Asche
keine Schatten.
Ich reiche dir
die staubige Hand
zu spenden
den Trost
der ewigen
Unzeiten.
Wie den warmen
Regen im August
und die doppelte
Februarsonne:
ein Versprechen.

Es träumt mich

Die Wolken flattern
wie schmutzige Gardinen
im Mondschein der Mond

Hinter den Fenstern der Schlaf.
Es träumt mich schlafloser Traum

Über deinen Schatten

In den Sonnen der Liebe
wird es so schnell dir zu warm
Wirfst deinen Schatten

der dich bald kühlend umgibt.
Doch zurück mußt du springen.

So einfach

Die Hummeln brummen
kann alles so einfach sein
die Blüten blühen

und wir versinken im Tag
und wir versenken die Nacht.

Zweisamkeit

In meine Welt geschneit
wie Hieroglyphen
und manchmal läßt du
Blicke zu in Tiefen
in Schattenträume
änigmatisch weit.
Und auch in
Wünschewiesen.

Komm, laß uns unsre
Farben zeigen
und weiße Stille
und das schwarze
Schweigen.

Widersprüche

Wenn du nicht da bist
ist alles so leer und voll
und voller Leere

Manchmal vergeß ich dich fast
in der Fülle des Tages

Vom Suchen

Quelle im Garten
aber auf Wassersuche
mit teurem Gerät.

Ich sollte den Kopf schütteln.
Doch was würde das nützen.

Dasselbe

Ungeformter Schrei
lautloses Bänderschwingen
wie Schulterzucken

die ahnungslose Sprache
unverstandener Sehnsucht

Mal hinhören

Es gibt im Gespräch nichts Lauteres als wortloses Trotzgebrüll. Als wären die Stimmbänder aus der Verankerung gerissen. Und zucken noch im scheinbaren Schweigen. Erst wenn sie nicht mehr schwingen, beginnt das sprachlose Gespräch. Und ermöglicht die Gnade des Verstehens. Beinahe unverständlich. Das wahre Wort ohne Gestalt. Der Sinn der Rede ist verstehendes Schweigen.

Götterlachen

Wenn die Titanen
gegeneinander kämpfen
gibt es keinen Sieg.

Auf ewig nur Blut und das
Lachen der falschen Götter

Erkennen

Willst du erkannt werden
zeig deine wahre Gestalt
die Nacktheit im Frost.

Wenn du nicht frieren willst
dann kannst du dich verhüllen.

Wenn du dich verstecken willst
mußt du mit Masken spielen.

Namenloses Leid

Im Mondschein
übergab mir
der Nachtprinz
eine Kiste mit Wörtern.
Ich kenne ihre Namen
und schweige.

Sinn

Das Haus liegt still
Kein Hahn mehr, der schreit
Nur blutleeres Piepen
tägliche Totgeburt.

In den Zimmern blinzeln
die alten hölzernen Leichen
im Jugendstillicht.

Alle Spiegel sind blind.
Sie zeigen dich nicht.

Alle Spiegel sind stumm.
So zeigt er sich nicht.

Sinn oder Sein

Manch ein glutloser Tag
ohne Sonnenaugen
sinnleeres Nichts
im solarischen Sprühn
kein Lichtgefühl
am Rande der Welt
wo wolkenumwühlt
rotes Gestein lautlos
ins Dunkel stürzt
kein Tropfen Blut
nicht mal Zischen
nur Möwenschnäbel
Totentanz.

Im Dunst der
Rettungsring und
dein Gesicht mein Gesicht.

Nächtens
werde ich
manchmal noch morsen
Anna Anna
oder so ähnlich
nicht mehr vergebens.
Palindrom in der
Finsternis.

Schlagendes Herz
wird jetzt verstehn.

Oktober 2005